Die vier Monate von
Juli/August bis Oktober/November, die Monate der Regenzeit in Indien,
finden traditionell und speziell unter den umherziehenden predigenden
Sadhus (heiligen Männer) besondere Beachtung. Die Sadhus, die sich zur
spirituellen Selbstverwirklichung vom Haushälterleben zurückgezogen
haben und die ablenkende Gemeinschaft mit materialistisch gesinnten
Menschen meiden, wandern das ganze Jahr über von Ort zu Ort. Sie wollen
vom verführerischen Komfort des Haushälterlebens Abstand nehmen und auch
die von ihrem spirituellen Meistern erhaltenen Lehren, angereichert mit
ihren eigenen spirituellen Verwirklichungen auf ihren Wanderungen an viele
Leute weitergeben. Sie sorgen sich nicht um ihr eigenes körperliches Wohl
in dem festen Vertrauen, dass unser Höchster Herr Seinen ergebenen Diener
stets mit allem Notwendigen versorgt. So schlafen sie wo immer sie gerade
bei Einbruch der Nacht einen Unterschlupf finden und sei es unter einem
Baum. Ihre einmalige tägliche Mahlzeit erbetteln sie sich in kleinen
Mengen von Haus zu Haus in ihrem "Henkelmann". Was immer sie
erhalten betrachten sie als die reine Barmherzigkeit des Herrn und wenn
sie einmal leer ausgehen, fasten sie freudig in dem Vertrauen, dass auch
dies der Wunsch Gottes ist.
In den vier Monaten der Regenzeit bleiben die Sadhus
traditionell an einem heiligen Pilgerort stationiert, denn die Straßen
sind während dieser Zeit aufgeweicht und unpassierbar und ganze
Landstriche in Indien werden von den ansteigenden Flüssen überschwemmt.
Auch würde man bei dem Wetter "nicht einmal einen Hund vor die Tür
jagen."
Folglich bleiben die Sadhus an einem Ort im Trockenen.
Nun können sie jedoch nicht vermeiden, mit Haushältern, d.h.
materialistisch gesinnten Menschen, in näheren Kontakt zu kommen. Oft
verbringen sie sogar die vier Monate in einem Haushalt. Fromme Haushälter
laden sie zum Essen oder auch zum längeren Aufenthalt ein. Andere Länder
-- andere Sitten. Noch heute sind die diesbezüglichen Bräuche in Indien
so verschieden von unseren deutschen Sitten, dass wir uns ein solches
Ausmaß an aufrichtiger herzlicher Gastfreundschaft gar nicht vorstellen
können.
Ich durfte diese Herzlichkeit ganz besonders während
meines letzten Aufenthaltes in Nordbengalen erfahren. Srila Gurudeva hatte
mich gebeten, im Tempel in Siliguri Dienst zu tun und demzufolge
verbrachte ich fünf Monate (Juni - Oktober 2007) dort am Fuße des
Himalaya, in dem weltberühmten Teegebiet von Darjeeling und Assam.
Direkter Nachbar des Tempels ist eine Familie von Gottgeweihten, das
Familienoberhaupt ein eingeweihter Schüler von Srila Gurudeva, wie ich
selbst. Er lud mich bald in sein Haus zum Essen ein. Er sagte: "Du
musst bitte an einem Tag zum Essen kommen." Ich bestätigte, dass ich
der Einladung gern nachkommen würde und wartete, der deutschen Sitte
entsprechend, auf eine spezifische Einladung mit Datum- und Zeitangabe.
Die kam jedoch nicht und ich fühlte, dass die Familie mir gegenüber
reservierter wurde. Sie blieben zwar freundlich, doch ich hatte das
Gefühl, dass ich sie beleidigt hatte. Meine Schlussfolgerung war, dass
dies nur auf ein Missverständnis in Zusammenhang mit der Einladung
zurückzuführen war. Ich erklärte ihnen also, dass man in Deutschland
nicht einfach ohne Einladung in einem Hause erscheinen kann und schon gar
nicht zur Essenszeit. In Indien ist das Gang und Gäbe. Ich bat also um
Vergebung und um sowohl meiner deutschen Erziehung als auch der indischen
Gastfreundschaft gerecht zu werden, schlug ich vor, dass ich am nächsten
Tag zum Essen kommen würde. Damit würde ich nicht unangemeldet in Haus
platzen, die Familie könnte sich auf meinen Besuch vorbereiten und sie
waren nicht gezwungen, mit der Angabe eines Tages ihre Einladung auf einen
Tag zu beschränken. Ja, richtig, auf einen Tag beschränken. Dann fragte
ich, zu welcher Uhrzeit ich denn erscheinen sollte. Wieder daneben
gegriffen! Verwundert antworteten sie: "Du kommst um 8 Uhr zum
Frühstück, um 12:30 Uhr zum Mittag, um 16 Uhr zu einem Obstimbiss und um
20 Uhr zum Abendessen." Lächelnd und zu tiefst gerührt sagte ich,
dass ich eigentlich gedachte zum Mittagessen zu kommen, doch ihre
enttäuschten Gesichter ließen mich meine Meinung schnell ändern und ich
bestätigte mein Kommen zum Frühstück. Nach deutscher Gewohnheit,
pünktlich wie die Maurer.
Aufgrund meiner Indienerfahrung wusste ich bereits, dass ich nicht mit
der Familie gemeinsam essen würde. Als ich erschien, war der Tisch für
eine Person gedeckt und ich wurde gebeten dort Platz zu nehmen. Der
Familienvater servierte dann in aller Glückseligkeit eine Zubereitung
nach der anderen und brachte Nachschlag, wann immer ich fast aufgegessen
hatte, bis ich weitere Nachschläge energisch genug zurückwies. Nachdem
ich zum Händewaschen (Kinder, man isst mit den Fingern, wie herrlich!)
und Mundausspülen zum Waschbecken geleitet wurde, brachte der Hausherr
ein frisches Handtuch und forderte mich dann auf, auf dem Sofa auszuruhen.
Ich blieb noch weitere fünf Minuten und verabschiedete mich dann, wohl
wissend, dass die Familie nicht eher essen würde, bis ich nicht in jeder
indischen Hinsicht zufriedengestellt war. Als ich mich nach dem
nachmittäglichen Obstimbiss verabschiedete - es gab unbeschreiblich
wohlschmeckende saftige, völlig faserlose Mangos, die in Deutschland
unvorstellbar sind - und andeutete, dass ich für gewöhnlich auf die
Nacht nichts esse, kam wie selbstverständlich der Vermerk: "Gut,
dann bis morgen früh zum 8 Uhr zum Frühstück." Ich hätte
wochenlang ausschließlich dort essen können, ohne auch nur das geringste
Nachlassen ihrer Gastfreundschaft hervorzurufen. Mit der Ausnahme von
einem weiteren Mittagessen einige Wochen später, beließ ich es jedoch
dabei.
Ein kleiner Abstecher vom Thema, um deutlich zu machen, wie wenig
die Sadhus Indiens sich um ihr körperliches Wohl sorgen müssen. Ganz im
Gegenteil, sie müssen sich vor übermäßigem Komfort zurückziehen,
damit sie sich ungestört ihrer Meditation und ihrem andächtigen Dienst
zu Gott widmen können. "Die Sinne sind so stark, dass schon einer
von ihnen, wenn unbeherrscht, selbst einer spirituell verwirklichten
Person den Verstand rauben kann," sagt Sri Krischna in der
Bhagavad-Gita (2.60), "vergleichbar mit einem Boot auf offenem Meer,
das von einem ungünstigen Wind vom Kurs abgebracht wird." (ebenda
2.67) Die Gefahr sich während dieser vier Monate wieder an das
gemütliche Familienleben gewöhnen zu können vor Augen, nehmen die
Sadhus besondere Härten und Gelübde (Vrata) auf sich. Sie schenken der
Körperpflege weniger Beachtung, d. i., sie schneiden weder Nägel noch
Haare noch rasieren sie sich, essen nur nach Sonnenuntergang und benutzen
kann kein Essgeschirr, sondern essen wie die Kuh vom Boden, ohne den
Gebrauch der Hände, direkt mit dem Mund und auch nur eine sehr geringe
Menge. Andere folgen weniger strengen Auflagen und fasten in den vier
Monaten erst von Blattgemüsen, dann von Milch, dann von Yoghurt und im
letzten Monat von bestimmten Hülsenfrüchten. Allen gemein sind die
vermehrte Andacht und gemeinsame Treffen zu Diskussionen über spirituelle
Themen sowie gemeinschaftliches Singen der heiligen Namen Krischnas.
Zu
diesem Thema befragt, führte Srila Bhakti Rakshak Sridhar Dev-Goswami
Maharaj aus: "Dieses Fasten ist von untergeordneter Bedeutung. Der
eigentliche Schwerpunkt sollte auf Selbstaufopferung, Selbsthingabe gelegt
werden. Die anderen Vorgänge sind dazu gedacht, diese Selbsthingabe -
Atmanivedanam - zu fördern. Sie dienen dazu Atmanivedanam zu
unterstützen. An vielen Stellen in den Schriften finden wir Hinweise auf
diese verschiedenen Vorgänge, doch sie alle zielen nur darauf, die
spirituelle Seele auf die Selbstaufopferung vorzubereiten. Allein zu
diesem Zweck werden all diese Vorgänge empfohlen. Sie zielen auf
verschiedene Gruppen, doch die Absicht ist die selbe - Selbstaufopferung -
Svatmarpanam.
paramatmani svatmarpanam eva sarvvatha
veda-tatparyyam - Vollständige Selbstaufgabe ist die ganze Bedeutung
der Veden. (Sri Prahlada Maharaj im Srimad-Bhagavatam)
So wie Gi (geklärte
Butter) in das Feuer der Opferzeremonie gegeben wird, opfere dich
allmählich in die Hände von Sadhu und Mahaprabhu Sri Gauranga. Nur
Bußetun und dieses oder jenes Gelübde - das sind alles weniger wichtige
Dinge. Du musst dein ganzes Kapital einsetzen - dein ganzes Selbst.
Krischna gibt sich nicht mit einem Teilbetrag zufrieden. Er will dich ganz.
Er will von dir keine Bußen und dieses oder jenes Fasten. Er will Prema -
Liebe. Er will dein ganzes Herz - nicht nur ein paar Cent hier und dort -
das Ganze. Es ist ein Herzenshandel. Gib Herz und du wirst Herz bekommen.
Wir
wollen Krischna, doch durch solche körperlichen Härten können wir Ihn
nicht bekommen. Sanatan Goswami wollte sein Leben aufgeben, doch
Mahaprabhu sagte zu ihm: "Wenn man Krischna durch das Aufgeben des
Körpers gewinnen könnte, würde Ich auf der Stelle Millionen von Malen
Meinen Körper aufgeben." Dieser Körper ist nur ein Klumpen Fleisch.
Allein durch Selbstaufopferung können wir Krischna gewinnen. Einfach den
Körper aufgeben ist nicht genug, ganz zu schweigen von so kleinen Opfern
wie ein wenig fasten. Unser reuiges Gebet sollte sein: "Mein Herr,
ich habe nichts, was ich Dir darbringen könnte. Selbst dieser Körper ist
Dein Eigentum. Deshalb bleibt mir nur, mich selbst zu opfern. Bitte
betrachte mich als Dein eigen."
Mit dem nächsten Vollmond am 26.
Oktober beginnt der Monat Karttik, der letzte dieser vier Monate. Während
dieses Monats Karttik erhöhen die Gottgeweihten des Sri Chaitanya
Saraswat Math ihre tägliche Andacht unter anderem, indem sie einige
spezielle (gesungene) Gebete in ihr tägliches Programm aufnehmen. Eines
davon ist das berühmte Damodarastakam, ein jahrtausende altes Gedicht in
Sanskrit, das die liebliche Geschichte von Sri Krischna erzählt, als Er
wie ein kleiner Lausbub, der Unfug getrieben hat, von Seiner Mutter
Yaschoda zurechtgewiesen wurde. Er ließ sich am Ende sogar von ihr mit
einem Seil (Dama) um Seinen Bauch (Udara) an einen großen Mörser binden.
Dieses göttliche Spiel brachte Ihm den Namen Damodara (Dama + Udara =
Damodara = der mit einem Seil um den Bauch gebunden wurde) ein. Ein
anderer Name dieses Monats ist Damodara, und wir gedenken in diesem Monat
speziell dieses göttlichen Spieles Sri Krischnas.
All diese
hingebungsvollen Gebete erinnern uns an die Notwendigkeit der
Selbstaufopferung. Mahaprabhu Sri Chaitanyadeva, der die Rolle eines
idealen Gottgeweihten spielte, lehrte uns wie folgt zu beten:
ayi
nandatanuja kinkaram-
patitam mam vishame bhavambudhau
kripaya tava pada-pankaja
sthita-dhuli-sadrsham vichintaya
"O Sohn Nanda Maharajas,
Krischna! Ich bin Dein ewiger Diener, doch aufgrund meines eigenen Karmmas
bin ich in diesen schrecklichen Ozean von Geburt und Tod gefallen. Bitte
akzeptiere diese gefallene Seele und betrachte mich als ein Staubkörnchen
an Deinen göttlichen Lotosfüßen."
Und Srila Sridhar Maharaj
eröffnet das sechste Kapitel seiner brillianten Sanskritkomposition Sri-Sri
Prapanna-Jivanamrtam - Der Lebensnektar der ergebenen Seelen :
he
krsna! pahi mam natha, krpayatmagatam kuru!
ity evam prarthanam krsnam, praptum swami-svarupatah
"O
Krischna! Bitte beschütze mich! Mein lieber Herr, bitte nimm mich als
Dein eigen an." Solch ein Gebet sowie das Gebet Sri Krischna als
seinen Herrn und Gebieter zu bekommen ist für die Herzen der reinen
Gottgeweihten der beste Trost und ihnen als Goptrtve-varanam - den Herrn
als Behüter annehmen - bekannt.